Archiv der Kategorie ‘Walds Wortarbeiten‘

 
 

Halber Fallrückzieher

Die EM-Vorrunde aus Konsumentensicht

Wenn Frau Merkel im Hauch der Euphorie die Unterärmchen nach oben klappt und mit Theo Zwanziger kuschelt, “Spiegel”-Reporter plötzlich wissen, wie Fußballspiele zu gewinnen sind und der Bäcker die Brezel Schwarz-Rot-Gold bestreicht - dann ist wieder Europameisterschaft. Oder genauer: UEFA EURO 2008. Das passt, denn anders als bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren ist Europa hier ganz bei sich. Kein Freudenglanz, kaum Sonnenlicht. Stattdessen hängen die Wolken am alpenländischen Gerbirgssaum wie Jogi Löws dunkles Haupthaar vor den Brauen.

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Hinten knatterts, vorne schnaufts

Oder: Müssen Rollkoffer wirklich sein?

Ich bin in den 80ern aufgewachsen. In Zeiten also, in denen uns die selbsternannten Zukunftsforscher unermüdlich vor der unbeherrschbaren Übermacht von Computer, Roboter und Maschine warnten. Diese Angst hat sich weitgehend als unbegründet erwiesen. Es ist viel schlimmer gekommen: Aus dem Hinterhalt hat flugs der Koffer mit Rädern unser Alltagsleben überrollt.

Fast jeder hat einen. Ich habe keinen. Und darüber bin ich froh. In der Tarnung des Praktischen, des Lebenserleichternden, kam er harmlos und unauffällig daher, und jetzt: Wird gerumpelt und gerattert, was das Kopfsteinpflaster hält. Er wird auch Trolley, oder volkstümlich “Hackenporsche” genannt. Ich bevorzuge die Bezeichnung “Rollkoffer”, wird sie doch dem profanen Zweck des Behältnistransports bestens gerecht. Erst im Jahre 1989 kam der amerikanische Pilot Bob Platt auf den Gedanken, an seine Pilotentasche Räder zu montieren. Seitdem ist nichts mehr wie es war. Unaufhaltsam und in atemberaubender Geschwindigkeit hat der Rollkoffer unsere Städte, Flug- und Bahnhöfe unter die Räder genommen. Blieb sein Vorläufer, das 1945 von Bruce Williamson ausbaldowerte, rasenmäherähnliche Golf-Bag-Trolley, noch einer elitären Schicht der Sportsimulanten und Arterienverklumpten vorbehalten, so ist der Rollkoffer zum sonisch starken Allzwecktamagochi des modernen Reisenden geworden.

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Zornesrote Krumpelstirn

Vom Besserwissen und Beleidigtsein

Vor ein paar Tagen äußerte sich die blonde Schauspielerin Sharon Stone am Rande des Filmfestivals von Cannes etwas unglücklich zur Lage in China. Sie brachte dabei die Unruhen in Tibet in Verbindung mit der jüngsten Erdbebenkatastrophe und faselte etwas von „schlechtem Karma“. Dies sorgte erwartungsgemäß für ein mächtiges Bohei im Land der Olympiade, wo man nun keine Sharon-Stone-Filme mehr zeigen will und Werbeplakate mit dem Konterfei der Dame abhängt.

Alles halb so schlimm, denkt man da – wenn, ja wenn diese Reaktion nicht in die Fortführung eines Trends mündete, der sich mit fast beängstigender Hartnäckigkeit ins zwischenmenschliche Miteinander wühlt: Es ist die neue Kultur des Beleidigtseins. Was im Großen begann („old europe“), und wo die Entrüstung angesichts der Umstände gut begründet war, tröpfelte vom internationalen Parkett der Politik über den dramatischen „Karikaturenstreit“ bis hinein ins regionale, wo sich eine Handvoll Fischer vom Bodensee durch einen mittelmäßigen Fernsehkrimi auf den Lachs getreten fühlt.

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Ziegenbart im Windkanal

Wer schaut eigentlich noch freiwillig den Grand Prix, der jetzt ein “Eurovision Song Contest” ist? Unbedingte Grundvoraussetzung ist definitiv ein starker Hang zum Selbstquälerischen.
In den Debutantentagen von Guildo Horn und Stefan Raab war deren Beitragsexotik ja noch amüsant und wahrscheinlich auch notwendig, um die schunkelige Betulichkeit der Ralph-Siegel-Jahre zu untergraben. Dazwischen gab es dann mit Max Mutzke (was macht der eigentlich heute?) noch einen Hauch musikalischer Ernsthaftigkeit. Wer aber am vergangenen Samstag in die Live-Übertragung aus Belgrad schaltete, durfte sich in den sinnfreien Raum von amoklaufenden Teletubbies versetzt fühlen.
Dass der bizarre und gesanglich absurd schlechte Auftritt der “No Angels” schnurstracks zum letzten Platz führte: Geschenkt. Dass der russische, von Timbaland gewohnt zielsicher produzierte Beitrag ganz oben landete: Auch geschenkt. Alles zwischendrin: eine Bolzenparade des schlechten Geschmacks. Finnland schickte wieder Heavy Metal in Manowar-Windkanal-Ästhetik mit “Uuuh…Aaah”-Refrain ins Rennen, für Island sang ein blondes Pummelchen über altbackene Dancebeats hinweg, und viele der gesträhnten Implantatträgerinnen aus aller Herren Länder plärrten billig produzierte Schmalzballaden, die Whitney Houston schon vor zwanzig Jahren abgelehnt hätte. Dazwischen wieder ein Protest-Rockbändchen, das gerne Placebo geworden wäre (Türkei), ein wüstes Weltmusik-Allerlei in Zappelchoreographie (Türkei) und als nicht mehr zu überbietendes Highlight: Aserbaidschan mit einer Eunuchen-Minioper, die man nur noch in Sprachlosigkeit bestaunen konnte.
Dazu passte die Moderation von Peter Urban, dessen Kommentare zwischen Verlogenheit (”Portugal endlich mit einem Song, der gute Chancen hat.”) und als Witz getarnter Boshaftigkeit (”In Island sollen sowieso alle miteinander verwandt sein.”) oszillierten. Dass der einzige wirklich überzeugende Song (Sebastien Tellier für Frankreich) in diesem Reigen der Umnachtung sang- und klanglos unterging, verwunderte dann auch nicht mehr. Motto des Abends scheint eine Textzeile des lettischen Beitrags gewesen zu sein: “We Will Make You Blind - I Hope You Don’t Mind”.