Kill Bill 1 & 2 in einer Minute und einem Take
Ohne Worte…
Es gibt sie ja immer noch zuhauf, diese brillanten Songschreiber, über die (zumindest hierzulande) niemand schreibt. Greg Laswell aus San Diego im sonnigen Kalifornien ist da schon fast wieder ein Sonderfall. Zuerst Frontman der Band Shillglen, die mit einer riesigen Anzahl Downloads auf dem Portal mp3.com bei geringstem Werbeaufwand überraschte. Dann als Solokünstler drei Alben voller melancholisch-brillanter Songs, die auch gerne mal in Fernsehserien wie Grey’s Anatomy, Without A Trace oder True Blood verwendet werden (um nur mal ein paar zu nennen), und trotzdem gilt er selbst in den Staaten immer noch als nahezu unbekannt. Hier der Titel “How The Day Sounds” aus dem aktuellen Album “Three Flights From Alto Nido”.
…oder: wie alex proyas und nicolas cage ihre künstlerische Glaubwürdigkeit verbrennen.
vor wenigen tagen ist der streifen “knowing” auf platz 1 der amerikanischen kinocharts eingestiegen - dank aufgeblasener werbekampagnen und geschickt geschürter erwartungshaltung. ähnliches wird ab 9. april wohl auch bei uns passieren. der film wird sich dort hoffentlich nicht lange halten. wieso? hier meine meinung. spoilers ahed!
der australische regisseur alex proyas hat sich mit gelungenen filmen wie “the crow”, “dark city” oder, mit abstrichen, “i, robot” einen namen gemacht, und nun mit nicolas cage in der hauptrolle einen kruden scifi-mystery-actionthriller zusammengeschustert, dessen handlung schnell erzählt ist:
in den fünfziger jahren wird an einer amerikanischen schule eine zeitkapsel mit aufzeichnungen von schülern versenkt, die erst fünfzig jahre später wieder geöffnet werden soll. so kommt es dann auch, die blätter werden feierlich an die “neuen” schüler verteilt und es dauert nicht lange, bis die von cage gespielte hauptfigur (alleinerziehender vater mit sohn) entdeckt, dass das mysteriöse, mit zahlenkombinationen übersäte blatt papier, das sein sohn erhalten hat, daten und gps-koordinaten (sic!) enthält, die sämtliche großen katastrophen der vergangenen fünf jahrzehnte und auch ein paar zukünftige vorhersagen. schon am nächsten tag wird er prompt zeuge eines flugzeugunglücks und findet seine theorie bestätigt. in folge dessen versucht er dem rätsel auf die spur zu kommen, trifft auf die tochter der mysteriösen autorin der prophezeiungen (alleinerziehende mutter mit tochter), begegnet mehrfach blassen, blonden gestalten in langen mänteln, die seinen sohn zu bedrohen scheinen, mit den fingern fuchteln und manchmal den mund aufreißen (aus dem dann grelles licht kommt und den helden blendet), wird nebenbei noch in eine u-bahn-katastrophe verwickelt - nur um irgendwann festzustellen, dass die gesamte menschheit dem ende nahe ist. die gesamte menschheit? nein… denn es gibt ja schließlich die auserwählten, die von den außerirdischen ausgeflogen werden und dann nochmal von vorne anfangen dürfen… der rest harrt in trauter familieneintracht dem gar schröcklichen ende.
mehr worte muss man zur handlung nicht verlieren. das holzschnitthaft banale drehbuch ist eine selten erlebte anhäufung von klischees. woran die diversen autoren hier acht jahre lang gearbeitet haben wollen, bleibt ein einziges rätsel. was noch einigermaßen passabel beginnt, mündet schon nach kurzer zeit in eine dümmliche verwurstung von spekulativen endzeitszenarien, verlogener familieneintracht (der held versöhnt sich in buchstäblich letzter minute auch noch mit seinem priester-vater: “ich bin bereit, wenn meine zeit gekommen ist.”) und verblüffend spannungsarmem getöse. als parodie angegangen, hätte das vielleicht sogar was werden können - nur leider meinen es die beteiligten offenbar furchtbar ernst.
was nicht mehr zu retten ist, versuchen die macher durch vermeintlich effektvolle katastrophenszenen (flugzeugabsturz, u-bahn-katastrophe) zu übertünchen, wobei gerade diese momente mit ihrem unappetitlichen sensationsgeheische den film als schale luftblase entlarven. die opfer bleiben allesamt kulisse - um des schauwerts willen. nebenbei erwähnt: die cgi-effekte wirken als youtube-trailer vielleicht noch einigermaßen spektakulär, entlarven sich auf der leinwand aber als definitiv nicht-state-of-the-art.
das wäre vielleicht alles gerade halbwegs zu verkraften, wenn nicht im letzten drittel auch noch einer unverholen religiösen symbolik der teppich ausgerollt werden würde. das kriegt dann einen arg merkwürdigen beigeschmack und ist in verbindung mit dem sich aufdrängenden fazit “alles ist vorherbestimmt, der mensch an sich kann eh nix aurichten, aber wir werden ja beobachtet - und zur not gibt es einen neustart für diejenigen, die die botschaft erkennen” nicht mehr akzeptabel. dass alex proyas sich im presseheft zudem mit den worten zitieren lässt: “alles was wir zeigen und ansprechen, könnte auch so passieren.” wirft wahrlich nicht das beste licht auf seine geistige verfassung, wird aber den ein oder anderen hardcore-kreationisten sicherlich freuen. ergebnis ist jedenfalls das, mit verlaub, wohl lächerlichste filmende seit jahrzehnten und schlechterdings eine frechheit.
im übrigen stellt sich die frage: liest nicolas cage keine drehbücher mehr, bevor er seinen namen unter verträge griffelt? den bisherigen tiefpunkt seiner künstlerischen laufbahn hat er hier jedenfalls erreicht (auch das will was heißen). wenn er sich gegen ende mit spatel und schleifgerät bewaffnet wild fuchtelnd über eine tür zwecks freilegung weiterer zahlencodes hermacht, ist das eine glänzende bewerbung für die nächsten “razzie awards” - und nicht die einzige. am ende bleibt nur kopschütteln und die erkenntnis: trotz aller katastrophen, die hier während zweier langer stunden aufgetischt werden - der film selbst ist die größte. und: ja, ich mochte die “national treasure” - filme. wirklich.
Hätte was werden können. Regisseur Barry Levinson (Rain Man, Wag The Dog) hat mit Robert De Niro, Catherine Keener, Stanley Tucci, Robin Wright Penn, John Turturro, Bruce Willis und Sean Penn eine beeindruckende Besetzung angeheuert, um die semi-autobiographischen Erlebnisse eines Hollywood-Poduzenten von Art Linson zu verfilmen. Dabei herausgekommen ist der Versuch einer Satire mit erstaunlich wenig Biss. Woran das liegt? Offenbar sind alle Beteiligten zu sehr im Hollywood-Business involviert, um wirklich tief zu graben. So werden viele Klischees bedient, aber kaum originelle Ideen präsentiert. Zu Gute halten kann man dem Film die durchaus sympathische Leichtigkeit, mit der die Geschichte erzählt wird. Außerdem ist es erfreulich zu sehen, dass Robert De Niro noch spielen kann - nach den Filme der letzten paar Jahre eine regelrechte Erleichterung.
Ebenfalls ab 26.03. neu in den Kinos:
Deutschland 09
Henners Traum
Die Herzogin
Der Kaufhaus Cop
Notorious B.I.G.
Prinzessin Lillifee
Spritztour
Vorstadtkrokodile
Die neuen Alben von John Scofield und Branford Marsalis
Vor wenigen Tagen haben zwei Superstars der internationalen Jazzszene neue Alben präsentiert. Gelegenheit, die musikalischen Pfade der beiden zu erkunden:
Gitarrist John Scofield, seit eh und je für stilistische Hakenschläge gut, legt mit “Piety Street” seine erste Sammlung mit Gospel-Tunes und New-Orleans-Klassikern vor und erweist sich als erfreulich versierter Bluesman. Natürlich steht die Gitarre hier im Vordergrund - trotz oder vielleicht auch Dank einer prominent besetzten Begleitband mit Sänger John Boutté, George Porter Jr. (Meters) am Bass, Keyboarder Jon Cleary (Bonnie Raitt) und Ricky Fataar (Beach Boys, Keb Mo) an den Drums. Das ist dann aber auch gewissermaßen das Manko der Platte: So sehr man sich an Scofields motivierten Soli erfreuen kann, so irritierend ist die gebremste Spielfreude der Band. Das wirkt über weite Strecken gar ein bisschen uninspiriert und alles andere als ekstatisch. So drängt sich die Frage auf, ob Titel wie “That’s Enough” oder “I’ll Fly Away” bei den Herrschaften Medeski, Martin und Wood nicht besser aufgehoben gewesen wären. In allzu guter Erinnerung ist Scofields geglückte Kollaboration mit den dreien. Weniger Routine hätte hier sicher gut getan. So bleibt nur, sich an wenigen wirklich gelungenen Takten zu erfreuen und den Rest zur (nicht unangenehmen) Hintergrundbeschallung zu nutzen.
Als Hintergrundmusik taugt hingegen Branford Marsalis‘ Album “Metamorphosen” wahrlich nicht - und das ist auch gut so. Nach den stilleren Werken “Requiem” und “Eternal” führt er sein Quartet mit Joey Calderazzo am Piano, Bassist Eric Revis und dem großartigen Drummer Jeff “Tain” Watts hier zu beeindruckenden Höhenflügen. Das treibende “The Return Of The Jitney Man” gibt im Groben die Richtung vor. Falls Jazz rocken kann, dann tut er das hier ganz gewaltig und ohne jegliche Platitüden. Marsalis’ Musik ist fest in der Tradition verwurzelt, bleibt aber in jeder Sekunde ungeheuer lebendig und wirkt nie angestaubt. Die überbordende Spielfreude und der virtuose Gestaltungswille aller Beteiligten lässt keine Langeweile aufkommen und macht selbst eine eher konventionell anmutenden Ballade wie “The Last Goodbye” zum berührenden Glanzstück. Die trickreiche Komplexität der einzelnen Stücke wird nie zum Selbstzweck, jeder Ton dringt organisch nach außen. Hier sind ein großartiger Musiker und seine Band auf der Höhe ihrer Kunst zu erleben. Wahrscheinlich jetzt schon das Jazzalbum des Jahres.
Eine Stimme, von der sicher noch viel zu hören sein wird. Süchtig machend. Aus Schweden.
Über Spreeblick bin ich auf eine großartige Reihe namens “Breakfast At Sulimay’s” gestoßen: Auf der Website von Woodshopfilms besprechen Bill, Ann und Joe - alle drei in durchaus fortgeschrittenem Alter - neue Alben. In dieser Folge z.B. die neuesten Werke von Beirut und Sepultura.
Keine Frage, Danny Boyles Film ist großes, zeitgemäßes Kino. Alles andere wurde fast überall schon berichtet und geschrieben. Nur soviel: Ganz unkitschig ist das alles trotzdem nicht.
Ebenfalls ab 19. März neu im Kino:
Desperaux - Der kleine Mäuseheld
Die drei ??? - Das verfluchte Schloss
Drei Affen
Männersache
RockNRolla
Schöne blonde Augen
In einem lesenswerten taz-Artikel porträtiert Julian Weber das großartige Münchner Plattenlabel Trikont, das sich seit Jahrzehnten als Musikoase bewährt und mit viel Idealismus abseits des Mainstream der Musikindustriekrise trotzt.
Als NuJazz-Lounge-Chillout beschreiben die Herrschaften von KonFerenz ihre Musik. Das trifft es ziemlich gut und überrascht in dieser Perfektion durchaus. Auf dem neuen, zweiten Album “intakt” finden sich nun 14 Kompositionen, die eine erstaunlich große Bandbreite ausloten und enge Stilgrenzen hinter sich lassen. Von spannenden Instrumentals bis zu funkigen (wann zuletzt einen Slapbass gehört?) oder dezent balladesk groovenden Klängen reicht der Klangkosmos von Marc Bornée, Klaus Jatho und Joachim Krohn - veredelt durch ein paar Acid-Jazz-Anklänge, die einen schnurstracks in die frühen 90er-Jahre transferieren. Das läuft manchmal zwar ein wenig Gefahr, in ein allzu feinpoliertes Gefrickel abzudriften, kriegt aber auch Dank der überzeugenden Sängerin Chinaza letzten Endes immer die Kurve und bleibt bei aller Konsequenz dann doch stets liebens- und hörenswert. Wer bis zum zehnten Track durchhält, kann übrigens auch Münchens Lieblings-Podcasterin Annik Rubens sprechsingen hören. Alles bestens geeignet für laue Frühlingsabende auf dem Balkon.