Wer schaut eigentlich noch freiwillig den Grand Prix, der jetzt ein “Eurovision Song Contest” ist? Unbedingte Grundvoraussetzung ist definitiv ein starker Hang zum Selbstquälerischen.
In den Debutantentagen von Guildo Horn und Stefan Raab war deren Beitragsexotik ja noch amüsant und wahrscheinlich auch notwendig, um die schunkelige Betulichkeit der Ralph-Siegel-Jahre zu untergraben. Dazwischen gab es dann mit Max Mutzke (was macht der eigentlich heute?) noch einen Hauch musikalischer Ernsthaftigkeit. Wer aber am vergangenen Samstag in die Live-Übertragung aus Belgrad schaltete, durfte sich in den sinnfreien Raum von amoklaufenden Teletubbies versetzt fühlen.
Dass der bizarre und gesanglich absurd schlechte Auftritt der “No Angels” schnurstracks zum letzten Platz führte: Geschenkt. Dass der russische, von Timbaland gewohnt zielsicher produzierte Beitrag ganz oben landete: Auch geschenkt. Alles zwischendrin: eine Bolzenparade des schlechten Geschmacks. Finnland schickte wieder Heavy Metal in Manowar-Windkanal-Ästhetik mit “Uuuh…Aaah”-Refrain ins Rennen, für Island sang ein blondes Pummelchen über altbackene Dancebeats hinweg, und viele der gesträhnten Implantatträgerinnen aus aller Herren Länder plärrten billig produzierte Schmalzballaden, die Whitney Houston schon vor zwanzig Jahren abgelehnt hätte. Dazwischen wieder ein Protest-Rockbändchen, das gerne Placebo geworden wäre (Türkei), ein wüstes Weltmusik-Allerlei in Zappelchoreographie (Türkei) und als nicht mehr zu überbietendes Highlight: Aserbaidschan mit einer Eunuchen-Minioper, die man nur noch in Sprachlosigkeit bestaunen konnte.
Dazu passte die Moderation von Peter Urban, dessen Kommentare zwischen Verlogenheit (”Portugal endlich mit einem Song, der gute Chancen hat.”) und als Witz getarnter Boshaftigkeit (”In Island sollen sowieso alle miteinander verwandt sein.”) oszillierten. Dass der einzige wirklich überzeugende Song (Sebastien Tellier für Frankreich) in diesem Reigen der Umnachtung sang- und klanglos unterging, verwunderte dann auch nicht mehr. Motto des Abends scheint eine Textzeile des lettischen Beitrags gewesen zu sein: “We Will Make You Blind - I Hope You Don’t Mind”.