Monatsarchiv für Januar 2008

 
 

Gute Besserung

Nach einem Bericht des “Berliner Kurier” liegt Christoph Schlingensief derzeit schwer angeschlagen in einem Berliner Krankenhaus. Wir drücken die Daumen und wünschen Gute Besserung.

Alles inklusive

thomas struth - audience
Einem interessanten Thema widmet sich die Schirn Kunsthalle Frankfurt in ihrer gestern eröffneten Ausstellung “All-Inclusive. Die Welt des Tourismus” (bis 04. Mai 2008). Warum setzen sich die meisten Menschen eigentlich regelmäßig dem Stress einer Urlaubsreise aus, um dabei doch nur sich selbst und Gleichgesinnten zu begegnen? Wie entwickelt sich unsere Wahrnehmung der Welt dadurch? Die Spuren, die von Reisenden überall auf der Welt hinterlasen werden, sind der Anfang einer globalen Bewegung, die den zeitgenössischen Menschen und die von ihm durchquerten Räume umfassend verändert (Bild: Thomas Struth “Audience 1″). Mit künstlerischen Arbeiten von Michael Elmgreen und Ingar Dragset, Ayse Erkmen, Peter Fischli und David Weiss, Tracey Moffatt, Jonathan Monk, Santiago Sierra, Thomas Struth und vielen anderen untersucht die von Matthias Ulrich kuratierte Ausstellung diese Phänomene und hinterfragt sie kritisch.

Filmstart der Woche: Die Band von nebenan

Der Debutfilm des 1973 in Tel Aviv geborenen Regisseurs Eran Kolirin wurde bereits mit etlichen Auszeichnungen bedacht, darunter auffällig viele Publikumspreise. Das verwundert nicht, ist ihm doch eine versöhnliche Tragikomödie gelungen, die in lakonischem Tonfall und mit trockenem Witz die politischen Konflikte zwischen Israel und Ägypten thematisiert. Ein ägyptisches Polizeiorchester, das eigentlich zur Eröffnung eines Kulturzentrums spielen sollte, strandet auf Grund eines Missverständnisses in einem israelischen Dorf. Dort kommen die Musikanten in Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung, es wird mit etlichen Vorurteilen auf beiden Seiten aufgeräumt und am nächsten Tag ist man sich ein großes Stück näher gekommen. Eran Kolirin erzählt seine Geschichte mit ausdrucksstarken Darstellern und einer Lakonie, die zuweilen an die Werke des Finnen Aki Kaurismäki erinnert. Dies bewahrt den Film immer wieder vor dem genretypischen Problemkitsch und verleiht ihm eine Form der Leichtigkeit, die im Kino selten ist.

Offizielle FilmWebseite

Ebenfalls neu in Kino:
Asterix bei den Olympischen Spielen
Cloverfield
Into The Wild
Mondkalb
Streets Of Rio
Underdog - Unbesiegt weil er fliegt

Das Meerschweinchen in der Beziehung

Kai Hensel arbeitete als Regisseur, Werbetexter, Barkeeper, Tellerwäscher, Museumswärter und kam über Umwege als Drehbuchschreiber für Film und Fernsehen zum Theater. Sein Debut “Klamms Krieg” zählt seit der Uraufführung in Dresden 2000 zu den meistgespielten deutschsprachigen Theaterstücken. Am 30. Januar hat in der Box des Schauspiels Essen sein neuester “Wurf” Premiere: “Das Meerschweinchen” bringt das Gefühlsleben eines kinderlosen Intellektuellenpaares ins Wanken. Richtig kompliziert wird das Ganze, als der russische Assistent eines Tierversuchslabors vor der Tür steht und ein genetisches Experiment plant.
Inszeniert hat diesen ungewöhnlichen Reigen die 1975 in München geborene Cilli Drexel.

Sundance

Am Sonntag ging das diesjährige Sundance Film Festival, nach wie vor das wichtigste Independent-Festival , im amerikanischen Park City, Utah zu Ende.
Hier Videos der Preisverleihung und vom Festival:

Aufstehen

Stellvertretend für alle, die in diesen Tagen (aus welchen Gründen auch immer) schwer aus dem Bett kommen, erinnern wir an die Kölner Sängerin und Schauspielerin Trude Herr mit einem eher unbekannten Lied aus dem Jahre 1960:

via Robert Basic

…5 minutes later

In den Kunst-Werken Berlin ist von 27. Januar bis 08. März 2008 die Gruppenausstellung …5 minutes later zu sehen. Die Ausstellung setzt sich mit einer alten Frage auseinander: Was ist bedeutender - die Skizze oder das ausformulierte Meisterwerk? Hierfür haben die Künstler Micol Assaël, Robert Barry, Martin Boyce, Ulla von Brandenburg, Thomas Demand, Hans-Peter Feldmann, Ceal Floyer, Douglas Gordon, Sven Johne, Annette Kelm, Horst Müller, Thomas Rentmeister, Albrecht Schäfer, Andreas Slominski, Clemens von Wedemeyer neue Werke produziert. Jedes ist in nur 5 Minuten entstanden.
Dazu eine Geschichte:

Über den japanischen Künstler Hokusai geht die Legende, dass er ein in Auftrag gegebenes Bild eines Hahns jahrelang nicht aushändigte. Als nach langer Zeit und vielen Mahnungen der erboste Mäzen im Atelier des Künstlers erschien, zeichnete Hokusai in dessen Anwesenheit in nur wenigen Sekunden das lang ersehnte Bild. Der Mäzen war erzürnt über die Flüchtigkeit der Ausführung und forderte den Künstler zur Rechenschaft. Ohne Worte führte Hokusai ihn in einen weiteren Raum, der angefüllt von Büchern, Modellen, Notizen, Zeichnungen und Skizzen war. Das in nur wenigen Sekunden geschaffene Werk war in Wahrheit die Frucht jahrelanger, mühsamer Arbeit.

Rodrigo Y Gabriela

Immer noch ein Geheimtipp: Ein Boy-Girl-Gitarrenduo dem Genregrenzen herzlich wurscht sind. Gelangweilt von ihrer Heavy-Metal-Band zogen Gabriela Quintero und Rodrigo Sanchez 1999 von Mexiko nach Dublin, wo sie eine unerhörte, Flamenco- und Bossa-Nova-beeinflusste Musik erfanden und durch Straßen, Clubs und Bars tingelten. 2006 erschien ihr von John Leckie (Radiohead, Muse) produziertes Album.
Seitdem sind Rodrigo Y Gabriela fast ständig auf Tour und begeistern Rock- und Flamencofans gleichermaßen. Hier ihre Single “Tamacun”:

Gott des Gemetzels

gott-des-gemetzels.jpgYasmina Rezas bissige Komödie “Der Gott des Gemetzels” dürfte in dieser Spielzeit das meistaufgeführte Stück an deutschsprachigen Bühnen werden. Jetzt ist das Bayerische Staatsschauspiel dran, wo heute Dieter Dorns Inszenierung (Foto: Thomas Dashuber) mit Sibylle Canonica, Sunnyi Melles, Michael von Au und Stefan Hunstein Premiere hat.
Nachdem ein Junge seinem Freund im Streit zwei Zähne ausgeschlagen hat, treffen sich die gut situierten Elternpaare zur Aussprache. Bald stellt sich heraus, dass der Anspruch an Erziehung und Verhalten der Kleinen auch von den Großen nicht erfüllt werden kann. In einer pointierten verbalen Schlammlacht werden die Lebenslügen der Beteiligten nach und nach sichtbar. Yasmine Reza liefert mit ihrem Stück eine kluge Bestandsaufnahme der westlichen Gesellschaft und Jürgen Gosch hat mit seiner Züricher Inszenierung die Messlatte hoch gelegt.

Zwei Buchtipps

Im Verlag Kiepenheuer und Witsch erscheinen dieser Tage zwei lesenswerte Bücher, die sich beide auf sehr unterschiedliche Weise mit dem Erwachsenwerden und den damit verbundenen Schwierigkeiten beschäftigen.
slamDer britische Bestsellerautor Nick Hornby (”Hight Fidelity”, “Fever Pitch”) erzählt in seinem neuen Roman “Slam” die Geschichte des Teenagers Sam, der sich nach einer Liebesnacht ganz unerwarteten Lebensrealitäten stellen muss. Hornby wechselt in die Perspektive des 15jährigen Skateboard-Fans und trifft den richtigen Ton.
fun homeEine ganz andere Form wählt die Amerikanerin Alison Bechdel, der 2006 in den USA mit ihrem Comicroman “Fun Home” ein großer Erfolg gelungen ist. Darin spürt die Autorin einem autobiographischen Familiengeheimnis nach und lotet auf unnachahmliche Weise ihre eigene Geschichte aus. Wurde vom “Time Magazine” zum besten Buch des Jahres gewählt.